Die Kunst, eine Krawatte zu binden,

entwickelte sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu einer wahren Wissenschaft. Nicht zuletzt durch den Einfluss des berühmten George Byran “Beau” Brummell (1778-1840), begannen modebewusste Männer großen Wert auf eine elegant gebundene Krawatte zu legen. Schon bald wurde die Krawatte zum Erkennungszeichen eines gut gekleideten Mannes. Üblicherweise wurde sie aus weißem Leinen hergestellt, es gab auch Varianten aus feinem Baumwollmusselin. Andere Farben fanden hingegen erst nach 1816 Eingang in die Krawattenmode.

Das unten wiedergegebene Blatt des Londoner Karikaturisten und Illustrators George Cruikshank (1792-1878) wurde im September 1818 veröffentlicht. Obwohl es satirischen Charakters ist und sich über die übertriebenen Krawattenmoden lustig macht, enthält es doch viele brauchbare Hinweise über die Verschiedenartigkeit der Knoten, die zu dieser Zeit gebräuchlich waren. Die einzelnen Varianten wurden in einem angefügten Text erklärt, den Sie in deutscher Übersetzung unten finden.

Sie werden schnell feststellen, dass es von essentieller Wichtigkeit war, genügend Stärke zur Hand zu haben, um all die erforderlichen Kniffe und Falten und Ort und Stelle zu halten. Eine korrekte Krawatte erhielt ihr Aussehen nicht durch den Knoten allein, sondern auch durch allerlei Faltenlegung und Draperiungen, nicht zuletzt gab Cruishank seinem Blatt den Titel “Neckclothitania or Tietania, being an essay on Starchers, by One of the Cloth”. Wenn Sie seine Anweisungen beachten, werden sicher auch Sie bald zu “One of the Cloth” - oder wahlweise zum Herrn der Kniffe!

Viel Erfolg!

Oriental

Die Orientalische Krawatte wird hergstellt aus einem sehr festen und steifen Tuch, so dass sich nicht die geringste Gefahr des Nachgebens oder Lösens ergibt, selbst bei schnellen Bewegungen des Kopfes. Es sollte Wert darauf gelegt werden, dass diese Krawatte keine einzige Falte aufweist. Sie soll eine glatte und ebene Oberfläche besitzen - die kleinste Abweichung von dieser Regel bewirkt, dass sie nicht mehr ihren Namen tragen kann.

An diesem Halstuch sollte sich nicht versuchen, wer nicht gewährleisten kann, dass es korrekt gestärkt ist. Es sollte nicht aus farbigen Tüchern geknotet werden, sondern vom brilliantesten Weiß sein. Es ist eben dieses Tuch, das in den folgenden Zeilen besungen wird:

'There, had ye marked their neck-cloth's slivery glow,
Transcend the Cygnet's towering crest of snow.'

Mathematical

Die mathematische oder dreieckige Krawatte ist weit weniger schwer herzustellen als die zuvor genannten. Sie weist drei Kniffe auf. Jeweils einer erscheint diagonal unter beiden Ohren, reicht bis zum Knoten der Krawatte, und ein dritter verläuft in horizontaler Richtung, zwischen den beiden seitlichen. Die Höhe, dass heißt wie weit oder nah er vom Kinn entfernt ist, ist dem Träger überlassen. Die geeignetste Farbe heißt couleur de la cuisse d’ une nymphe emue.

Osbaldeston Tie

Die Osbaldeston Krawatte unterscheidet sich sehr von fast allen anderen. Sie wird zuerst hinten in den Nacken gelegt. Die Enden werden dann nach vorne gebracht und in einem großen Knoten gebunden, dessen Größe mindestens 4” (= 10 cm) und 2” (= 5 cm) betragen sollte. Diese Krawatte ist gebräuchlich für den Sommer, da sie, anstatt zweimal den Nacken zu umrunden, sich mit nur einer Runde zufrieden gibt. Die beste Farbe ist ätherisches Azur.

Napoleon Tie

Ich habe bisher nicht verstanden, warum man genau diese Krawatte Napoleon nennt, noch kann ich es vermuten, denn niemals habe ich davon gehört, dass der französische Kaiser dafür berühmt gewesen wäre, eine Krawatte binden zu können – ich habe jedoch sehr wohl gehört, dass er an Bord der Northumberland bei seiner Rückkehr von Elba eine eben solche getragen haben soll. Ob diese Information korrekt ist, kann ich nicht sagen.

Die Krawatte wird zunächst wie die zuvor genannte um den Nacken gelegt, die Enden überkreuzt und so befestigt – oder unter den Armen festgeklemmt und im Rücken gebunden (Anm. der Übersetzerin: versuchen Sie das nicht zuhause!). Sie hat ein sehr schönes Erscheinungsbild und verleiht ihrem Träger einen verzehrend amourösen Look. Die violette Farbe und la couleur des levres d'amour sind am besten für sie geeignet.

American Tie

Der amerikanische Knoten unterscheidet sich wenig vom Mathematischen, außer dass die seitlichen Falten nicht so weit zum Ohr hinauf reichen und keinen weitere Falten in sich aufweisen. Die beste Farbe ist Meeresgrün.

Mail Coach Tie

Der Postkutschen-Knoten oder Wasserfall wird nur einfach geknotet, der Knoten von einem Ende komplett verdeckt. Der überschüssige Stoff darf sich sodann in die Weste ergießen. Das Halstuch sollte sehr groß sein, um diesen Knoten richtig binden zu können. Es wird von Kutschern, der Garde, modischen Gecken und Grobianen getragen. Um genau den Ton zu treffen, sollte das Tuch keine oder  nur sehr wenig Stärke enthalten. Ein Kaschmirschal ist hier das beste, man möchte sagen, das einzige Mittel der Wahl.

The Trone d'Amour*

Der Trone d'Amour ist die strengste Krawatte gleich nach der Orientalischen – sie muss äußerst gut mit Stärke versehen werden. Sie wird gekennzeichnet durch einen horizontalen Kniff in der Mitte (= über dem Knoten). Farbe: Yeux de fille en extase.
* so genannt aufgrund seiner Ähnlichkeit mit dem Sitz der Liebe.

Irish Tie

Dieser Knoten erinnert in gewisser Weise an den Mathematischen, abgesehen davon, dass der horizontale Kniff unterhalb der beiden diagonalen Kniffe liegt und nicht darüber. Die Farbe ist Himmelblau.

The Ballroom Tie

Die Ballsaal-Krawatte ist – wenn sie richtig gebunden wird – äußerst köstlich anzusehen. Sie verbindet die Vorzüge der Mathematischen und der Irischen. Sie hat zwei diagonale und zwei horizontale Kniffe. Diese Krawatte wird nicht geknotet, sondern wie die napoleonische befestigt. Sie sollte natürlich niemals farbig sein, sondern vom reinsten und brilliantesten blanc d'innocence virginale.

Horse Collar Tie

Der Pferdegeschirr (Kummet) Knoten ist aus irgendeinem, mir  unerfindlichen Grund äußerst weit verbreitet. Ich kann dies nur der Unfähigkeit ihrer Träger zuschreiben, irgendeinen andern zu knoten. Dies ist ganz sicher die schlechteste und vulgärste Krawatte, ich hätte ihr nicht einmal einen Platz auf diesen Seiten zugestehen sollen, wäre es nicht, um meine Leser davor zu warnen, sie jemals zu tragen. Sie sieht aus wie ein großer Halbmond oder ein Kummet (Anm. der Übersetzerin: Teil des Geschirrs für Zugpferde) – ich hoffe sehr, dass sie bald vollkommen fallen gelassen wird - nam super omnes vitandum est.

Hunting Tie

Die Jagd- oder Diana-Krawatte (nicht, dass ich davon ausgehe, Diana hätte jemals eine Krawatte getragen) wird von zwei diagonalen Kniffen an den Seiten geformt, die sich in der Mitte treffen, ohne einen horizontalen Kniff - üblicherweise werden sie von überkreuzten Enden begleitet, so wie bei der Ballsaal- oder Napoleon-Krawatte. Die Farbe ist Isabella. - Dieses Tuch wird manchmal mit einem Gordischen Knoten getragen (vgl. Abb.).

Maharatta Tie

Die Maharatta oder Nabog Krawatte ist äußerst kühl, da sie stets aus feinen Musselin-Halstüchern hergestellt wird. Sie wird in den Nacken gelegt, die Enden nach vorne gebracht and wie ein Kettenglied verknotet. Der Überschuss wird dann zurückgeschlagen und hinten befestigt. Ihre Farbe: Eau d'Ispahan.

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